Julia B. Künstlerin

 


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Die Titel:

"Biografie" (Das Coming Out).

Die Weiblichkeit

Transition

Die dunkle Kammer

Der kühle Knaster

Wangenküsschen in der Kneipe

Hab dich geliebt

Hallo Mutter

Die Nacht, die mich umgibt

 

 

 

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2018-11-16

Biografie

Nun sitze ich also hier und habe angefangen mein bisheriges Leben auf zu schreiben. Mit nun, im Oktober 2017, 58 Jahren.
Es sind in den letzten vier Jahren auch einige Veränderungen eingetreten.
Ich bin die Julia, aber dass ich so heiße, war nicht immer so. Meine Eltern gaben mir den Vornamen Jürgen.
Nun ja er gefiel ihnen halt und so schlecht fand ich ihn auch nicht. Leider passte er eigentlich gar nicht zu mir, oder genauer gesagt, er passte nur zu meinen Genitalien, aber dafür konnten meine Eltern ja nichts.
Ich bin eine transsexuelle Frau. Ich bin mit einem weiblichen Gehirn, mit einer weiblichen Identität zur Welt gekommen. Dummerweise aber auch mit XY Chromosomen, die mir in meinem bis vor kurzem gelebten Leben doch das Ein oder Andere recht abstrus erscheinen ließ.
Das war äußerst dumm gelaufen.
Gemerkt, dass etwas nicht stimmt, habe ich schon sehr früh, nur war es vor der Pubertät noch nicht so gravierend, nicht so wichtig.
Ich war halt ein Kind, ein Mädchen mit Pimmelchen und dachte, das ist wohl normal so. Wie hätte ich es auch anders wissen können.
In den ersten vorpubertären Phasen habe ich mich gelegentlich nackt vor den Spiegel gestellt. Ich drückte die Hoden und den Penis einfach nach innen und dann sah es aus wie eine Vulva.
Das hat mich fasziniert und ich bekam langsam eine Ahnung darüber, was bei mir wohl falsch läuft.
Etwas später, ich hatte mittellange, schneeblonde Haare, bin ich von Fremden meist für ein Mädchen gehalten worden. Was war ich glücklich darüber.
Mit sechzehn Jahren habe ich dann einen Artikel über Transsexualität gelesen. Da war mir klar, was mit mir los ist. Es stand auch etwas über die geschlechtsangleichende OP darin. Diese wurde damals halblegal in Casablanca angeboten.
Aber ich traute mich halt nicht darüber zu reden.
Das heißt, einmal sprach ich meinen damals besten Freund Toto, darauf an. Wir saßen auf einer Bank am Spielplatz, tranken Bier und haben Hasch geraucht. Ich fasste mir ein Herz und sagte zu ihm: “Ich glaube, ich bin eine Frau“ Er sagte gar nichts, ignorierte es einfach, schaute nach unten, spuckte auf den Boden und schwieg. Danach habe ich bis zu meinem Coming Out nie wieder mit Jemandem darüber gesprochen.
Nun ja, ich habe es ja dann doch noch hinbekommen, auch nach außen das zu sein, das zu leben und zum Ausdruck zu bringen was ich bin.
Ein weibliches Wesen, eine Frau und mir geht es dabei so gut wie nie zuvor in meinem Leben.
Ich bekomme seit über dreieinhalb Jahren Hormone, habe eine zweite, die richtige Pubertät, durchlebt. Mit allem was dazu gehört. Ich hatte starke Stimmungsschwankungen, war oft weinerlich, auch zickig. Habe da meinen Mitmenschen schon einiges zu zugemutet. Aber der Gedanke, das Gefühl, ja das Wissen, dass mein Gehirn, mein ganzer Körper, nun dieses wunderbare Hormon bekommt, das ja auch ursprünglich für ihn gedacht war, hat mich sehr glücklich gemacht. Es beruhigt mich, gibt mir Kraft und Besonnenheit. Es ist sehr oft ein Flow Erlebnis.
Mittlerweile habe ich auch schon richtig schöne Brüste über die ich mich jeden Tag aufs Neue freue. Genau wie die anderen körperlichen und psychischen Veränderungen durch die Hormone.
Die geschlechtsangleichenden OPs habe ich nun auch hinter mich gebracht, so dass nun endlich die Treiber, die Software im Gehirn mit der neu dazu gewonnen Hardware übereinstimmt.
Ich merke das auch körperlich, dass es nun stimmt. Es ist faszinierend.
Insgesamt waren es drei Operationen und es war schon sehr anstrengend, aber, ich weiß jetzt, ich habe alles richtig gemacht.
Meine Depressionen sind verschwunden. Was wurde nicht alles an mir herum diagnostiziert und therapiert. Sogar die Diagnose Borderline wurde gestellt. Allerdings habe ich ja auch nichts von meiner Transidentität gesagt. Mit niemandem, außer diesem einem Mal mit Toto, habe ich darüber gesprochen. Ich schämte mich so sehr und habe es auch zwischenzeitlich einfach verdrängt. Ich
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wollte es nicht wahrhaben.
Ich hatte gar darüber nachgedacht, mich sofort umzubringen, wenn es jemand erfährt.
Immerhin hatte ich auch Kinder gezeugt, zwei sehr liebe Mädchen, die zu mir stehen.
Lena, meine Jüngste hatte erst große Probleme mit meinem Outing. Sie hat sich jedoch schnell informiert und steht mittlerweile hinter mir.
Miriam meine Ältere hatte da schon mehr Probleme, aber nun ist es das für sie auch gut so.
Der Umbruch, mein Coming Out“ begann im Oktober 2013. Es kam, nachdem ich immer öfter darüber nachgedacht habe, wie schön es sein muss als Frau leben zu können, und so hatte ich mich im Oktober 2013 dazu entschlossen, mir in der Nachbarstadt Dortmund, ich lebte und lebe in Essen, für eine Woche ein Appartement anzumieten um dort rund um die Uhr als Frau zu leben. Vorher bin ich, auch schon in jungen Jahren, gern als Mädchen und später als Frau rausgegangen. Ich habe es dann immer sehr genossen, wenn ich nicht auffiel, sondern ganz selbstverständlich als weibliches Wesen wahrgenommen wurde.
Jedoch tagsüber und das auch noch eine Woche am Stück, das hatte ich mich noch nie getraut. Ich hatte so was nie zuvor gemacht, aber vorher immer öfter dran denken müssen, dies endlich einmal zu tun.
Es war ein unheimlich befreiendes Erlebnis, da ich feststellte, dass ich draußen am hellen Tag kaum auffalle. Damit hatte ich nicht gerechnet. Zumal ich das mit dem Schminken und Stylen noch nicht wirklich gut konnte, doch oh Wunder, ich fiel kaum auf.
Ich lebte also eine Woche als Frau und als ich wieder als „Mann“ nach Hause fuhr, war ich erst mal ziemlich durcheinander und auch wieder depressiv. Ich wusste nicht, wie es nun weitergehen soll.
Es war auch wieder diese Scham da, diese Scham etwas Verbotenes, Unanständiges zu tun.
Eigentlich war mir mittlerweile nun schon klar, dass es jetzt kein Zurück mehr geben kann. Ich begann mir ganz konkrete Zeitpläne für mein Coming Out zu überlegen.
Auch Strategien für Freunde, Verwandte und Bekannte bekamen langsam Struktur.
Einerseits war ich sehr durcheinander, Andererseits war mir schon klar, dass es nun kein Zurück mehr gibt und so fuhr ich nochmals für drei Tage in das Appartement nach Dortmund.
Es war nun Mitte November 2013 und mein Entschluss stand fest. Ich werde mich outen. Ich werde nicht mehr so tun, als sei ich ein Mann.
Die Weiblichkeit hatte schon sehr viel Raum eingenommen.
Und nun habe ich es geschafft. Ich habe eine Geburtsurkunde in der bei Geschlecht „weiblich“ angegeben ist. In meinem Ausweis steht „Julia“
Ein Wunder, es ist faszinierend.
Manchmal wenn ich draußen bin, schauen einige Leute komisch oder machen dumme Bemerkungen, aber es passiert nicht so oft. In der Regel falle ich nicht auf. Da habe ich Glück.
Aber ich stehe auch dazu. Ich bin eine spezielle Frau, eine Transfrau. Es ist ja auch so, dass ich meine Vergangenheit in mein jetziges Leben integrieren muss. Es war und ist auch manchmal noch schwer, doch es gelingt mir immer besser und ich bin glücklich.
Ich habe einen Punkt in meinem Leben erreicht, an dem ich sagen kann: „Ich bin glücklich und zufrieden.“
 
 
 
 
 

 
 
 
 
 
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Nachdem ich mich nun am 29. Januar 2014 offiziell geoutet hatte und seitdem komplett in der weiblichen Rolle lebe, begann ein recht langes Prozedere.
Ich brauchte einen Therapeuten der die Transition quasi leitet und musste nun mit dem sogenannten Alltagstest beweisen, dass es mir gelingt, als Frau im Alltag zu bestehen. Dass es für mich lebbar ist.
Ich hatte mir Dr. Löwenberg aus Mühlheim als Therapeuten ausgesucht. Ein sehr intelligenter, kompetenter und sympathischer Mensch.
Außerdem erinnerte mich der Name an einen Ritter, das musste gut gehen.
Wie sich später herausstellte, hat er mich sehr unterstützen können auf meinem Weg in die richtige, die weibliche Welt.
Ich ging also zu meinem ersten Termin bei Dr. Löwenberg und war schon recht aufgeregt, da ich mir ja nicht sicher sein konnte, ob ich nun wirklich trans bin.
Es könnte ja auch eine Persönlichkeitsstörung oder eine Psychose sein, dachte ich mir. Denn wenn es so wäre, würde ich das selbst ja gar nicht merken.
Andererseits hielt ich das für sehr unwahrscheinlich, war es mir doch schon seit der Kindheit klar, dass ich weiblich bin und nun ließ ich es halt einfach zu bzw meine Weiblichkeit bahnte sich ihren Weg und heraus in die Welt.
Ich stellte meine Fragen an Dr. Löwenberg, sprach mit ihm, er war sehr ruhig. Er frug mich auch das Ein oder Andere und nach einer Zeit sagte er mir, dass ich mit großer Wahrscheinlichkeit transident bin. Alle vier Wochen hatte ich nun einen Termin bei Ihm.
Jetzt wurde ich sehr aktiv und ging alles was notwendig ist an, um diese Transition, diese zweite Pubertät, ja dieses Ende meiner Geburt zum Abschluss zu bringen.
Zuerst beantragte ich bei der Krankenkasse die Bartepilation, die dann auch genehmigt wurde.
Es waren erst ein paar Lasersitzungen. Damit wurde den schwarzen Haaren der Garaus gemacht. Danach begann dann die Nadelepilation für die blonden und weißen Haare. Aua!!… die war und ist immer noch recht schmerzhaft. Es wird mit einer sehr dünnen Nadel in jede Haarwurzel gestochen. Dann wird ein Stromstoß in die Nadel geschickt und die Wurzel ist verödet. Das heißt, wenn es klappt, denn es gibt da nicht nur Treffer. Eine sehr lange, schmerzhafte Prozedur ist das. Der Bartwuchs lässt zwar durch die Hormone nach, verschwindet aber leider nicht ganz.
 
Ich beantragte nun beim zuständigen Amtsgericht in Dortmund meine Personenstandsänderung. Das bedeutete, dass ich im Personenstandsregister als weiblich eingetragen werde und in meinem Personalausweis mein neuer Vorname, Julia, eingetragen wird.
Hierzu mussten zwei Gutachten erstellt werden, einen Gutachter schlug ich dem Gericht selbst vor, das war Dr. Löwenberg, mein Therapeut, der dann auch als Gutachter angenommen wurde.
Der Zweite, er wurde vom Gericht, von der Richterin bestellt, war Professor Doktor Senf, eine Koryphäe auf dem Gebiet der Transidentität.
Als ich zum Termin zu Dr. Senf ging, war ich schon sehr aufgeregt. Was würde er sagen? Wie würde er mich einschätzen. Ich wusste aus verschiedenen Schilderungen, dass man bei ihm unter Umständen auch drei – vier Mal zum Gespräch kommen muss.
Ich hatte also den Termin und machte mir überhaupt keinen Plan. Ich beantwortete einfach seine Fragen und nach ungefähr vierzig Minuten sagte er: „Also ich sehe hier eine Frau vor mir. Von mir gibt es keinerlei Einwände.“
Ich war außer mir vor Erleichterung.
Beide Gutachten bestätigten mir ganz klar, dass ich transsexuell und weiblich sei.
Wieder hatte ich eine große Hürde genommen.
Nach ein paar Wochen begann dann auch meine Hormontherapie. Was war ich aufgeregt und glücklich.
Ich bekam Testosteronblocker, Östrogentabletten und ein Östrogengel.
Nach zwei, drei Wochen begannen auch schon die Veränderungen. Ich wurde noch sensibler als ich
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ohnehin schon bin und meine Brüste standen unter Spannung, sie wuchsen. „Wunderbar“ dachte ich mir und hab sie natürlich immer schön eingecremt.
Da wuchsen Verbündete auf dem Weg in die Frauenwelt heran.
Insgesamt wurde ich immer ausgeglichener und zufriedener, ja fast schon euphorisch.
Es ergaben sich durch die Hormongabe aber nicht nur schöne Dinge.
Es sammelte sich zeitweise, es war Sommer, Wasser in den Beinen. Meine Kraft nahm rapide ab. Meine körperliche Leistungsfähigkeit insgesamt nahm rapide ab.
Ich hatte starke Stimmungsschwankungen und musste bei dem ein oder anderen Film, auch bei der ein oder anderen Bemerkung bitter heulen. Es war so, als liefen die Tränen einfach heraus, so etwas kannte ich bisher gar nicht.
Doch die Freude nun dieses wunderbare Hormon zu bekommen glich alles mehr als aus.
 
Nachdem ich nun fast fünf Monate Hormone nahm, wurde ich eines Nachts wach. Ich hatte sehr starke Schmerzen in der Brust und im Hals. Es war ungefähr vier Uhr morgens und ich dachte an sowas wie „Hm, wohl der Kehlkopf“, solche Schmerzen hatte ich öfter mal. Ich nahm eine Ibuprofen und legte mich wieder hin.
Gegen sieben Uhr stand ich dann auf. Die Schmerzen waren stärker geworden. Ich nahm noch eine
Ibuprofen und rauchte mir erstmal eine Zigarette. Ich wurde ein wenig kurzatmig, machte mir aber
erst mal mit der Zigarette im Mund einen Kaffee, damit ich die nächste Zigarette in Ruhe mit Kaffee genießen kann. So der Plan.
Nun wurde mir kalt und ich schwitzte, kurz dachte ich an einen Herzinfarkt, aber das Verdrängen unangenehmer, körperlicher, als auch psychischer Symptome hatte ich ja lang genug geübt.
Also dachte ich mir, „Du musst erst mit dem Hund raus und fahr dann – es war Sonntag – mit dem Fahrrad zum Krankenhaus“.
Ich machte mich schnell fertig, duschte mich, was mir schwerfiel, weil mittlerweile mein Arm und meine Schulter schmerzten.
Dann ging ich erst mal mit Räuber, mein treuer, langjähriger Gefährte, ein schwarzer Wolfshund, ein Timberwolfshund, raus.
Das gehen war anstrengend und ich wusste, dass ich es nicht schaffen werde, mit dem Fahrrad zum Krankenhaus zu fahren. Ich ging so zügig wie es ging zurück, bestellte mir ein Taxi und ließ mich zum Krankenhaus bringen.
Am Krankenhaus angekommen, rauchte ich erst mal eine Zigarette.
Die Beschwerden und Schmerzen waren ja schließlich auch schon etwas abgeklungen.
Ich kam an der Notaufnahme an, die, wie sollte es anders sein, überfüllt war. Ich ging zur Rezeption, dort saß eine junge Frau und ich gab ihr erst mal meinen Outing Zettel, den ich für Ärzte immer mitnahm, mit folgendem Text:
 
Liebes Praxisteam
Mein Name ist Julia, auch wenn in meiner Krankenkassenkarte noch etwas Anderes eingetragen ist.
Ich bin eine transsexuelle Frau.
Leider habe ich meine Namensänderung noch nicht amtlich.
Ich möchte Sie deshalb bitten, mich mit Frau Busley anzusprechen und aufzurufen.
Sonst wird es bitter peinlich für mich.
Vielen Dank
😊
 
Sie schaute sich erstmal den Zettel an, verzog keine Miene und fragte mich nach meiner Krankenkassenkarte Ich gab sie ihr und dann fragte sich mich nach meinen Beschwerden, die ich dann auch schilderte.
Schmerzen in Brust und Hals, kalter Schweiß, Kurzatmigkeit, ein tauber, schlapper linker Arm und
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Schmerzen in der Schulter. Sie schaute mich an und bat mich Platz zu nehmen, was ich auch tat.
Nun wartete ich und war auch wieder etwas beruhigt, da ich dachte, wenn ich warten muss, wird es wohl nicht so schlimm sein.
Nach anderthalb Stunden bin ich dann noch mal zur Rezeption gegangen um nachzufragen, wie lange es wohl noch dauert, bis ich aufgerufen werde.
Ich bekam dann eine sehr beruhigende Antwort: „Das dauert noch was Frau Busley, es sind gerade zwei Patienten mit akutem Herzinfarkt mit dem Krankenwagen eingeliefert worden.“
Nun ja, meine Beschwerden hatten ja auch weiter nachgelassen, bis auf eine große Erschöpfung die ich nun verspürte, also, weiter warten.
Nach weiteren anderthalb Stunden wurde ich dann endlich aufgerufen.
Ich ging ins Untersuchungszimmer. Eine Assistentin sagte mir, dass ich mich auf die Liege legen sollte. Ich legte mich also auf die Liege und eine Ärztin las etwas, war wohl meine Akte.
Sie machte ein EKG, schaute auf den Befund und tuschelte mit der Assistentin. Dann gingen beide aus dem Raum und ich dachte mir: „Oh nein, hoffentlich nicht schon wieder ein Notfall.“
Nach einer kurzen Zeit kam erst die Assistentin zurück und stellte einen Koffer mit einem Defibrillator neben die Liege auf der ich immer noch lag.
Dann kam die Ärztin, fasste sanft an meinen Unterarm und sagte: „Frau Busley, ganz ruhig, sie haben einen Herzinfarkt.“
Das beruhigte mich natürlich ungemein.
Plötzlich waren ganz viele Menschen in dem Raum, auch im Nebenraum in den ich jetzt ging.
Ich sollte mich ausziehen und bekam ein Engelhemdchen.
Dann wurde die Leiste rasiert da eine Herzkathederuntersuchung gemacht werden sollte.
Alles ging nun blitzschnell.
Ich wurde in ein Bett verfrachtet und zum Herzkathederlabor geschoben.
Dort erwartete mich schon ein Arzt und seine Assistentin.
Es war sehr kalt in dem Raum.
Ich legte mich auf eine Liege. Der Gedanke das nun durch die Leiste, durch eine Hauptschlagader, eine kleine Kamera bis zum Herzen geschoben wird, hat mich fast den Verstand gekostet.
Ich war so müde und erschöpft, doch immer, wenn ich die Augen schließen wollte, tätschelte die Assistentin meinen Arm und sagte: „Wach bleiben, nicht schlafen.“
Nun begann das unangenehme Prozedere der Herzkathederuntersuchung.
Eigentlich spürte ich nichts, denn die Leiste wo der Schnitt gemacht wurde, wurde ja betäubt.
Aber der Gedanke… schrecklich!
Nun ja ich habe es dann ja noch geschafft. Der Arzt stellte die Überreste eines großen Blutgerinnsels fest und war erstaunt, dass trotz meines sehr starken Tabakkonsums, meine Gefäße doch recht weit und durchlässig waren. Es musste, was sehr ungewöhnlich ist, kein Stent gelegt werden. Hätte ich nicht immer wieder Leistungssport getrieben, hätte ich diesen Infarkt nicht überlebt. Ich wäre wohl spätestens im Warteraum gestorben.
Nun wurde ich auf die Intensivstation gebracht. Gott sei Dank hatte ich da ein Platz am Fenster. Ich konnte nicht hinausschauen, aber es fiel Licht hinein.
Ich wurde verkabelt und spürte nun eine unheimliche Erschöpfung, so als hätte ich in Gummistiefeln den Ironman auf Hawai mitgemacht.
Ich rief dann erst mal Dirk, mein liebes Wölfchen und meinen Seelenbruder an, damit er mir ein paar Sachen bringt. Dann rief ich meine Jüngste an, da ich ja immer noch nicht genau wusste, war es das jetzt oder kommt da noch was. Da gingen mir schon sehr krasse Gedanken durch den Kopf. Doch verstanden, was da wirklich passiert ist, habe ich erst Wochen später.
Ich schlief ein vor Erschöpfung und wurde wieder wach, weil meine Jüngste, Marian, ihr Freund und Ingrid, Marians Mutter an meinem Bett standen. Die Jüngste weinte und Marian winkte kurz, unsicher lächelnd.
Ich beruhigte meine Jüngste, Ingrid beruhigte sie auch und nach einer Zeit gingen sie wieder, weil
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ich so erschöpft war und nur noch schlafen wollte.
Zwischenzeitlich bemerkte ich auch, dass Dirk wohl da gewesen sein muss, denn auf der Fensterbank standen meine Sachen.
Nun schlief ich wieder ein, wurde gefühlt alle ein, zwei Stunden wach, döste und schlief weiter.
Das ging dann bis zum nächsten Morgen so.
Eine sehr nette Krankenschwester brachte mir eine Waschschüssel, so dass ich mich ein wenig waschen und auch rasieren konnte.
Schließlich sprießte ja immer noch dieser doofe Damenbart.
Danach kamen dann zwei Damen aus der Röntgenabteilung, die meine Lunge röntgen wollten.
Sie schauten in meine Akte, in der natürlich auch mein „Outing Zettel“ lag, und Eine sagte dann abfällig: „Herr Busley, wir röntgen jetzt ihre Lunge.“ Am liebsten hätte ich „Schwester Bohnenstroh“ auch geröntgt, und zwar richtig, wie Droogs das so machen, von oben bis unten.
Ihre Kollegin korrigierte sie dann und sagte „Frau Busley“ Doch Adolfine Bohnenstroh meinte nur provokant, lapidar: „Hier steht aber Herr Busley.“
Nun ja, so etwas gehört halt dazu. Blöde XY Chromosomen.
Im Laufe des Tages wurde ich dann auf die normale Station, eine innere Kardiologie Station verlegt.
Ich hatte schon was Angst, wie würden die da wohl reagieren?
Die Ärzte, das Pflegepersonal und die Mitpatienten.
Doch alles lief super, ich bekam ein Privatzimmer, ein Einzelzimmer ganz für mich allein und der Arzt und die Schwestern waren sehr lieb und nett.
Zuerst sollte ich verkabelt werden, so dass die Herzfunktionen per Funk ans Schwesternzimmer übermittelt werden konnten.
Hierzu sollte ich noch eine Stunde warten bis alles vorbereitet ist.
Das Erste was ich tat war natürlich erst mal runter zu gehen und eine zu Rauchen.
Eine? Was heißt Eine! Da ich ja nicht wusste, wann ich die nächste Zigarette bekomme, habe ich gleich drei Stück hintereinander geraucht.
Ich dachte mir: “Gerade lagst du noch auf der Intensivstation und nun rauchst du hier wieder wie ein Schlot.“
Da wurde mir so richtig klar, wie abhängig ich doch von diesem Zeugs bin. Schrecklich!
Vier Wochen später habe ich es dann endlich geschafft mit Hilfe von Hypnose diese schlimme Sucht endlich anzugehen. Ich hatte es geschafft, ich rauchte nicht mehr.
Ich war dann ungefähr 8 Tage auf dieser Station und alles verlief weiterhin sehr gut. Die Ärzte und das Pflegepersonal war sehr nett zu mir und es fiel den Mitpatienten nicht auf, dass ich trans bin.
Zumindest hat niemand dumm geschaut, oder dumme Bemerkungen gemacht.
Da war ich ja mal sehr froh drüber.
Bis auf einmal. Ich saß an einem Wasserbecken vor dem Haupteingang. Dort hielten sich immer viele Roma auf, die mich auch öfter mal begafften. Einmal kam eine sehr dicke Frau mit Goldzähnen im Mund, beobachtet von den anderen ihrer Gruppe, zu mir und fragte recht forsch: “Du Mann oder Frau?!?“
Ich antwortete ganz geheimnisvoll und leise: “Ich bin ein Eichhörnchen.“ Sie schaute sehr respektvoll, nickte kurz und ging wieder.
„Na geht doch.“ Dachte ich mir und beobachtete wie die Frau und ihre Leute zu mir schauten und laut diskutierten.
Ein Mitpatient hat, wenn er mich auf dem Flur oder dem Raucherbalkon sah, recht heftig mit mir geflirtet. Der sah zwar nicht besonders gut aus, war auch ein schrecklicher Angeber, aber ich schien attraktiv zu sein. Ja, so konnte das weitergehen.
An einem Samstag wurde ich schließlich entlassen. Mein liebes Wölfchen, der Dirk, kam um mich abzuholen und so brachte er mich wieder nach Hause. In Dirks Auto wartete auch schon mein lieber Räuber, mein Timberwolfshund. Der freute sich riesig und ich natürlich auch.
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Wir fuhren also zu mir und tranken dort erst mal ein Piccolöchen.
Mittlerweile war auch der Brief des Amtsgerichtes eingetroffen, in dem mir der Termin für die Anhörung zur Personenstandsänderung bei der Richterin in Dortmund genannt wurde.
Ich war schon sehr aufgeregt. Es ging also alles weiter.
Die Tage vergingen und der Termin bei der Richterin war nun endlich da.
Ich fuhr also nach Dortmund und ging zum Amtsgericht. Vor der Tür zur Richterin musste ich noch etwas warten, dann wurde ich mit „Frau Busley“ von der Richterin hereingerufen.
Wie schön sich das anhörte!
Sie war sehr nett, sagte, dass sie meinen Lebenslauf und die Gutachten gelesen hätte und stellte mir noch ein paar Fragen bezüglich der Lebbarkeit in der weiblichen Rolle.
Wir unterhielten uns noch über Transidentität im Allgemeinen und dann sagte sie: „Also ich sehe hier eine Frau vor mir. Von mir gibt es keine Einwände.“
Mir liefen die Tränen, eine unheimliche Anspannung war einer Erleichterung gewichen.
Ich war also von nun an offiziell weiblich und heiße seit dem Julia.
Was für ein Schritt!
Die Richterin tröstete mich noch kurz und wünschte mir alles Gute für meine Zukunft.
Ich war so glücklich.
Ich musste allerdings noch Widerspruchsfristen abwarten und so dauerte es noch vier Monate, bis Anfang Januar 20015, bis ich meinen neuen Personalausweis und meine neue Geburtsurkunde in den Händen halten konnte.
Dort stand es schwarz auf weiß: Geschlecht: weiblich.
Ich war so glücklich!
Ich kam immer besser mit meiner weiblichen Rolle klar. Alles war nun richtig, es passte.
Nun ja, einige stilistische Fauxpas habe ich mir schon geleistet und auch zickig war ich mitunter immer wieder mal.
Ich musste halt Neues dazu lernen und das mache ich immer noch, es wird wohl nie ganz aufhören.
Mittlerweile hatte ich mir auch einen Termin in der Transsexuellen Sprechstunde im Uni Klinikum Essen bei Dr. Heß besorgt.
Es war schon aufregend dort den OP-Saal und die Station zu sehen.
Dr. Heß erklärte mir den Ablauf der Operation und klärte mich über die Risken und die Formalitäten auf, die Voraussetzungen für die Operation.
Es war schon spannend.
Ich stellte nun den Antrag auf Kostenübernahme bei meiner Krankenkasse.
 
 
Das Leben plätscherte weiter so vor sich hin und ich wurde immer selbstsicherer in meiner weiblichen Rolle.
Es gab zwar auch unfreundliche oder spöttische Blicke und Kommentare, aber das beindruckte mich nur kurz.
Einmal ging ich durch Steele, mein Stadtteil. Mir kam ein Pärchen, zirka vierzig Jahre alt, entgegen.
Die Frau musterte mich schon mit dem „Wasisthierfalsch Blick“ sie gingen an mir vorbei und blieben kurz danach stehen. Ich blieb auch stehen und machte so, als würde ich eine SMS lesen.
Ich wollte doch wissen, was nun passiert.
Sie sagte zu ihrem Mann:“ Kuck ma die Frau da.“ Der Mann antwortete ruhrgebietstechnisch korrekt mit:“ Wat denn?“ um der Frau zu entlocken: “Die Frau da, hasse nich gesehen? Die Frau da, dat isn Mann.“
„Schon fast philosophisch“ dachte ich mir und ging weiter.
So etwas passierte und passiert aber relativ selten und wenn, was solls. Ich habe mich dran gewöhnt.
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In das Viertel in welches ich kurz nach meinem Coming Out gezogen bin, der Stadtteil heißt
Huttrop, gibt es eine zehn km/h Zone. Es sind sehr enge Straßen an denen auch rechts und links oft Autos parkten, so dass immer nur ein Auto freie Fahrt hatte. Zu dieser Zeit hatte ich noch einen kleine Opel Corsa und ich fuhr damit durch diese Zone.
Schon von Weitem sah ich, wie mir ein Auto auf meiner Seite schnell entgegenkam.
Der Fahrer wollte mir meine Vorfahrt nehmen. Ich hätte bremsen und ihn vorbeilassen müssen, was ich aber nicht tat.
Wir standen uns ungefähr eine Minute gegenüber. Ich bewegte mich kein Stück, so dass er zurücksetzen und in eine Lücke fahren musste um mich vorbei zu lassen.
Es war Sommer und wir hatten Beide unsere Fenster offen. Als ich an ihm vorbei fuhr grinste ich überlegen, wodrauf hin von ihm der Spruch kam: „Du blöde Fotze!“
„Wie geil war das denn jetzt.“ dachte ich mir.
Am liebsten wär ich stehen geblieben, hätte ihn umarmt und freudestrahlend laut gerufen: „ Sach dat nochma.“
Der Tag war gerettet!
 
Ich spürte mittlerweile, dass diese Transition doch auch schon recht anstrengend und frustrierend sein kann.
Das ist zum Beispiel der Fall, wenn ich von Menschen, auch welche die mich von vorher gar nicht kannten, in der männlichen Person angesprochen werde.
Das tut ja mal richtig weh!
Jahrelang habe ich meine Weiblichkeit unterdrückt. Hab sie niemandem gezeigt. Aus Angst, aus Scham. Nun lebe ich sie ganz offensichtlich aus und werde immer noch mit „Er“ angeredet.
Das tut schon weh, sagt es doch aus, dass mein Gegenüber mich nicht als weiblich identifiziert oder identifizieren, anerkennen möchte.
Sicher, in der Regel geschieht das nicht so oft, aber es ist halt nicht schön.
Manche Menschen sind neugierig andere merken gar nicht, dass ich trans bin, manche versuchen zu verletzen, reagieren aggressiv.
Ich wurde jedoch immer selbstbewusster begann aber auch damit, mir klar darüber zu werden, dass ich mich als Transfrau begreifen muss, dass ich nie eine ganz „normale Frau“, eine Cis Frau, sein werde. Ich bin halt eine spezielle Frau, aber nichtsdestotrotz eine Frau. Ich hätte ja sonst auch nicht wirklich eine Lebensgeschichte. Ich kann das ja nicht wegwischen, dass ich zwar mit einer weiblichen Identität aber auch mit einem durch Testosteron verunstalteten Körper zur Welt gekommen bin.
Immerhin hatte ich ja vierundfünfzig Jahre unbemerkt und unerkannt in der männlichen Rolle gelebt. Ich hatte Geschichte.
Alle erwarteten, dass ich ein Mann bin und mich auch so verhalte. Immerhin hatte ich ja auch zwei Kinder gezeugt, was die Sache für mich nicht einfacher machte. Also habe ich genau das getan, die männliche Rolle leben, so wie es alle von mir erwarteten. Sonst hätte ich ja noch nicht mal, ganz geschlechtsneutral als Mensch, Anerkennung und Zuwendung bekommen. Rückblickend wars fast wie in einem Zeugenschutzprogramm. Niemand durfte wissen, wer ich wirklich bin. Phasenweise habe ich es auch einfach verdrängt. Hab den harten Kerl raus hängen lassen. Ich hatte gelernt, dass ich so Anerkennung bekomme. Doch wirklich glücklich und in mir ruhend war ich nie, konnte ja gar nicht so funktionieren. Ich bin ja auch immer wieder, meist abends in Frauensachen raus gegangen und habe es genossen als Frau, als weibliches Wesen einfach so durch die Straßen zu gehen. Immer öfter musste ich dran denken, wie schön es doch wäre eine Vagina zu haben, Brüste zu haben, doch die Umsetzung dieser Gedanken waren zu dieser Zeit unvorstellbar. Es war für mich auch auf Grund meines Körperbaus ein absolutes no Go mich zu outen. Dachte ich doch immer es ist einfach unmöglich in diesem Körper nach Außen als Frau leben zu können. Es war eine schreckliche Zeit.
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Kurz nach meinem Geburtstag im Juni 20015 musste ich noch mal ins Krankenhaus, da ich eine Zyste im Schienbein hatte, die herausoperiert werden musste.
Kein großer Eingriff.
Das war eigentlich ziemlich cool, weil ich wieder ein Einzelzimmer auf der Privatstation bekam.
Soweit lief auch alles super, doch am Abend nach der Operation rief mich dann Anna, eine sehr liebe Freundin, an.
Sie kümmerte sich um meinen Räuber, doch dem gings gar nicht gut. Es schien mit ihm zu Ende zu gehen und ich war im Krankenhaus.
Anna konnte das schon gut beurteilen, denn sie arbeitete damals bei der Tierrettung und hat viel Erfahrung mit solchen Sachen.
Sie fuhr also mit Räuber zum Tierarzt und der bestätigte, dass es das Beste sei, ihn einzuschläfern.
Was war das für ein Schock!
Ich hab Rotz und Wasser geheult! Als ich nach Hause kam war mein Stinkbärchen nicht mehr da. Die Decken lagen noch alle dort und auch seine Fressnäpfe standen noch an ihrem Platz.
Es war schaurig traurig.
Dirk hat mir einmal mehr über diese schlimme Sache hinweggeholfen.
Mit viel Geduld und Tränen ließ auch die Trauer nach. Doch vermissen werde ich diesen tollen Freund immer. Fünfzehn Jahre war er bei mir und nun war ich ganz allein.
 
Nachdem nun mein Räuber tot war und ich Huttrop und die Umgebung in der ich wohnte nicht mehr wirklich mochte, entschloss ich mich wieder nach Steele zu ziehen. Ich suchte mir also dort eine Wohnung und wurde fündig. Ich zog wieder nach Steele. Genau in das Viertel in dem ich mit Jutta, meine Exfrau, gewohnt habe. Hier sind meine Kinder geboren und hier haben wir sie großgezogen.
Ich war zufrieden. Es ist toll wie akzeptiert ich hier bin. Auch von den Leuten die mich noch von früher kannten. Ich bin jetzt die Julia und gut ist. Ich liebe meinen Ruhrpott, meinen Kiez, die Menschen hier.
Bis auf die Familie meiner Exfrau werde ich auch in meiner Familie ganz akzeptiert.
Zu meiner älteren Schwester Bärbel habe wieder ein super Verhältnis. Endlich habe ich meine große Schwester wieder. Zu meinem Bruder Peter und zu meiner Schwester Ute habe ich keinen Kontakt mehr. Dies hat aber nichts mit meiner Transition zu tun. Meinen Bruder Klaus sehe ich zu meinem Geburtstag und manchmal gibt er mir ein Essen aus. Wir quatschen dann. Ich freu mich immer, wenn es mal wieder so weit ist.
Mein anderer Bruder Michael lebt in schon lange in Australien. Früher haben wir einmal die Woche telefoniert. Seit meinem Coming Out ruft er, bis auf drei Mal, nicht mehr an. Wir schreiben manchmal bei Facebook.
Die Familie meiner Exfrau meidet mich. Ich werde auch nicht mehr angerufen. Tina, meine Schwägerin, hasst mich regelrecht. Dabei ist sie einer der neurotischsten Menschen die ich kenne. In der Familie wird ihre Persönlichkeitsstörung einfach tot geschwiegen. Manchmal würde ich sie sehr gern anrufen, ihr mal so richtig unter Pastorentöchtern die Meinung sagen, vielleicht auch ein bischen beleidigen, aber das geht ja nicht, sie würde das gar nicht verstehen. Es ist schon eine Kunst, dumme Menschen ohne aggressiv und ausfallend zu werden, zu beleidigen.
So was Krasses, das ist enorm.
Eigentlich bin ich mittlerweile froh darüber, dass ich mit denen nichts mehr zu tun habe. Meine Schwiegermutter Anni darf ich nicht mehr besuchen, selbst beim Begräbnis meines Schwiegervaters durfte ich nicht dabei sein. Zum sechzigsten Geburtstag meines Schwagers wurde ich nicht eingeladen, aber meine Kinder schon. Was das mit meinen Kindern macht ist dieser Familie auch egal. Ich werde einfach nicht mehr eingeladen. Aus den Augen aus dem Sinn. Uli, meine andere Schwägerin hat mich sogar einmal mit Oma Anni besucht. Das war aber nur um kurz das schlechte Gewissen zu beruhigen. Ich hatte ihr gesagt was ich davon halte, dass ich selbst zur Beerdigung
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meines Schwiegervaters nicht dabei sein durfte. Da meldete sich bei ihr wohl das schlechte römisch katholische Gewissen, so dass sie mich doch tatsächlich besucht haben. Gern sagt sie auch immer, dass ich sie jederzeit besuchen darf. Wie scheinheilig Menschen sein können. Sie ist mehrmals im Monat in Essen und besucht dort ihren Sohn. Sie hat ein Auto, wohnt am Möhnesee. Ich habe kein Auto. Ich werde nicht mehr zu Feiern eingeladen, auch Weihnachten bin ich mittlerweile unerwünscht. Ich werde auch nicht mehr angerufen. Trotzdem geben sich alle sehr tolerant, na ja die Auswirkungen des katholischen Christentums in deren neurotischen Köpfen, gepaart mit der Mentalität der biederen oberen Mittelklasse und ihrer neurotischen Angst vor dem Verarmen. Wie sagte meine Oma, sie war eine Ruhrgebietspflanze aus Essen, immer: „Der Blitz soll sie beim kacken treffen.“
Ein befriedigender Gedanke.
Später mehr zu diesen toleranten Menschen.
 
Einmal mehr rief ich beim medizinischen Dienst der Krankenkassen an, um nachzufragen, wie denn der Stand der Dinge bezüglich der Kostenübernahme für die geschlechtsangleichende Operation ist.
Und endlich…… der Bericht war fertig. Allerdings durfte mir keine weitere Auskunft am Telefon gegeben werden und so fuhr ich sofort nach Köln.
In Köln angekommen wurde mir der Bericht mit Bestätigung zur Kostenübernahme ausgehändigt.
Ich war ja mal sowas von glücklich.
Sofort einen Tag später fuhr ich zum Klinikum um mir einen Termin geben zu lassen und die Unterlagen einzureichen.
Es war nun Juli 2015 und ich bekam einen Termin für die Operation Mitte Januar.
Ich zählte die Tage, sogar manchmal die Stunden.
Ich hängte mir das Bild einer nackten Frau auf. Zu sehen war nur der Schambereich mit Bauch und Ansatz der Oberschenkel, der mit einer in den Händen gehaltenen Rose verdeckt war. Als es nur noch hundert Tage bis zur Op waren, befestigte ich ein Zentimetermaßband unten an dem Bild und schnitt jeden Tag einen Zentimeter ab.
Ich war so aufgeregt.
Die Tage vergingen. Es kam der Herbst, dann der Winter. Weihnachten, Neujahr, selbst die heiligen drei Könige konnte ich kaum erwarten, und dann war es soweit. Mein Operationstermin stand an.
 
Die erste OP hatte ich, wie alle anderen OPs auch, im Uniklinikum Essen bei Dr. Heß machen lassen. Ein unglaublich lieber und einfühlsamer Mensch, der mit Einfühlungsvermögen, Menschlichkeit und sehr viel Empathie immer für seine Patientinnen da ist.
Ich erschien also zum OP Termin auf der Station und war natürlich sehr aufgeregt.
Schließlich hatte ich einen Tag später meine OP.
Es wurden allerlei Voruntersuchungen vorgenommen. Blut abnehmen, ein Aufklärungsgespräch wegen des Ablaufes der OP und zum Schluss ein Gespräch mit der Anästhesistin.
Am Ende dieses Gespräches fragte sie mich, ob ich noch Fragen hätte.
Ich erwähnte, dass ich, wenn ich in den OP Saal geschoben werde, links und rechts an der Tür Lautsprecherboxen erwarte, aus denen die Musik des Songs „Time to say Goodbye“ schallen soll.
Die Anästhesistin schaute mich erst verwundert und fragend an und lachte dann herzhaft.
Als ich einen Tag später, schon sehr gut mit diversen Beruhigungsmitteln abgefüllt, in den OP geschoben wurde, stand die Anästhesistin tatsächlich am Eingang und summte „Time to say Goodbye“
Eine witzige Situationskomik.
Mo, eine liebe Freundin und Fotojournalistin war auch bei der OP zugegen. Sie begleitete mich schon länger und hatte schon einige Fotos von mir aufgenommen. Sie war auch bei der OP dabei und hat dort fotografiert.
Die ganze OP dauerte ungefähr viereinhalb Stunden und als ich wieder wach wurde, habe ich
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erstmal meinen Unterleib nicht mehr gespürt, da ich zusätzlich einen Rückenmarkskatheder gelegt bekommen hatte. Dummerweise war der verrutscht, so dass das Narkosemittel Richtung Oberkörper lief und meine Zunge schon taub wurde. Plötzlich hatte ich furchtbare Angst, dass ich einen Schlaganfall habe, aber die Pfleger haben sehr schnell gemerkt, dass es an dem Katheder lag.
So bekam ich dann Dipidilor, ein synthetisches Morphium.
Ich war so was von glücklich. Die OP geschafft, Morphium in der Umlaufbahn, ein krönender Abschluss einer erfolgreichen Operation.
Ich hatte endlich meine Muschi !!
Da ich ein Jahr vorher ja den Herzinfarkt, einen Hinterwandinfarkt hatte, wurde ich vorsichtshalber auf ein Überwachungszimmer in der Intensivstation geschoben.
Ich war wach, erschöpft und sehr glücklich. Sagen wir euphorisch, ja euphorisch beschreibt meinen Gemütszustand direkt nach der Op am Besten. Das Morphium wird dabei wohl eine nicht unwesentliche Rolle gespielt haben.
Ich hatte furchtbaren Durst, durfte jedoch noch nichts trinken. Ich bekam ein Spray mit dem ich meinen Mund befeuchten konnte, immerhin etwas.
In dem Moment als diese Feuchtigkeit meine Lippen benetzte dachte ich mir: „Stell dir vor es ist Sekt und keiner merkts.“
Meinen Unterkörper spürte ich immer noch nicht, es war, als sei er gar nicht vorhanden.
So nach und nach kam dann auch das Gefühl zurück. Erst in den Zehen und dann gings immer so weiter. Bis nach oben.
Mit dem Gefühl kam auch der Schmerz zurück.
Mittlerweile war es abends und die Nachtschwester welche ihren Dienst schon angetreten hatte, hatte furchtbar viel zu tun. Leider lief die Infusion nicht weiter. Ich schellte also nach der Schwester die dann auch schnell kam. Sie sah das Dilemma und versuchte, durch wackeln und bewegen an der Infusionsnadel die Infusion wieder zum laufen zu bringen, was ihr aber leider nicht gelang.
Da kein Arzt zugegen war, der mir eine neue Infusionsnadel hätte setzen könne Zeit hatte, spritzte sie mir das Dipidilor auf einmal mit viel Druck durch die Infusionsnadel.
Holla die Waldfee, ich weiß jetzt warum Morphium so schnell süchtig machen kann.
Es war ein herrliches Gefühl, allerdings in erster Linie auch, weil der Schmerz nachließ.
Ich war ja mal sowas von euphorisch, dass ich erst mal alle möglichen Leute anrief um denen mitzuteilen, dass es mir so gut gehen würde, dass ich mir am liebsten noch viele weitere Designermuschis machen lassen wollte. In den Kniekehlen, unter den Armen und wer weis wo noch.
Nach einer Zeit war ich jedoch nur noch müde und ich schlief ein.
Am nächsten Morgen wurde ich dann nach dem Frühstück, endlich wieder essen und trinken, auf die normale Station, die Urologie verlegt.
Ich wurde auf mein Zimmer gebracht und nun hieß es erstmal vier Tage nur auf dem Rücken liegen bleiben.
In diesen vier Tagen realisierte ich erst mal, dass ich nun die letzte Hürde der körperlichen Transition geschafft hatte.
Mit Novalgin und Ibuprofen waren auch die Schmerzen erträglich. Am vierten Tag wurde der Verband gewechselt und ich durfte wieder aufstehen.
Es war einfach nur herrlich.
Überhaupt war ich sehr guter Stimmung, was auch daran lag, dass die Ärzte und Ärztinnen und das Pflegepersonal trotz ihres immensen Arbeitspensums immer sehr hilfsbereit und freundlich waren.
Hier noch mal meinen größten Respekt, danke!
Nach zehn Tagen wurde ich entlassen.
Nun hatte ich endlich mein richtiges Genital.
Ich dachte viel nach. Über Das, was ich bis jetzt geschafft hatte und auch über Das, was vor mir lag.
Wie würde ich mich nun fühlen nach diesem entscheidenden Schritt?
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Die Tage vergingen und ich spürte immer mehr eine große Erschöpfung. Körperlich, aber auch psychisch.
Es war so, als wäre ich einen Marathon gelaufen und nach dem Durchqueren der Ziellinie zusammengebrochen.
Diese Erschöpfung kam nicht von Heut auf Morgen. Sie kam langsam und wurde immer stärker.
Plötzlich entwickelte ich eine sehr starke Angst vor dem Alleinsein.
Mir wurde klar, dass ich nun mit dem Erreichten allein bin. Ich musste mich ganz allein mit mir und den Veränderungen durch die Hormone und die Op auseinandersetzen.
Ich hatte vierzig Jahre auf diese Operation gewartet und nun wars geschehen. Vom Kopf her war alles super aber mein Körper musste sich an die geänderten Gegebenheiten gewöhnen. Das war ein langsamer Prozess.
Manchmal wurde ich nachts wach und war voller Angst, Todesangst, doch wusste ich nicht warum, es gab eigentlich keinen Grund dazu.
Hinterher wurde mir klar, dass zusätzlich zu dem Stress der Transition auch noch ein Post-Op Trauma durch die Narkose hinzukam.
Nach sechs Wochen hatte ich dann, wieder im Klinikum Essen, meine zweite Operation.
Es sind bei dieser Operationstechnik immer zwei Op`s.
Auch diesmal verlief alles super.
Im Gehirn kam das neu geschaffene Genital immer deutlicher an. Ich spürte immer mehr, dass alles nun an seinem richtigen Platz war, so als hätte mein Gehirn nur darauf gewartet.
Ein wunderbares, ein Gefühl der Freiheit, der Vollkommenheit.
Eines Abends, ich hatte mich gerade hingelegt, untersuchte ich das Ergebnis mal etwas genauer.
Die Untersuchung war sehr aufschlussreich und spannend. Also machte ich weiter bis es mich plötzlich durchschüttelte! Holla die Bolla es funktionierte alles nach Plan, besser als jemals zuvor.
Danach habe ich so gut geschlafen, wie schon seit Jahren nicht mehr.
Ein paar Monate später hatte ich noch eine kleine Korrektur Op und dann war mein Julchen endlich fertig.
Und und veröffentliche ich meine Gedichte, schreibe meine Biografie und habe wieder angefangen zu malen.
Das Leben ist schön. Es gibt soviel zu entdecken und zu erleben.
Es ist ein Geschenk.

Admin - 16:39:21 | Kommentar hinzufügen

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Das Hintergrundbild wurde fotografiert

von Georg Pieron